Das Zionsbergprojekt 2016

Umgebung

Der Friedhof, innerhalb dessen Mauern sich die Grabung des DEI befindet, wurde Mitte des 19. Jh. im Rahmen eines gemeinsamen Bistums von Anglikanischer und Preußischer Kirche eingerichtet. Das Bistum wurde schon nach wenigen Jahren aufgelöst, doch der Friedhof wurde weiterhin gemeinsam genutzt und deshalb stückweise von Nordwesten – Ausgangspunkt war die so genannte Gobat-Schule, heute American University College for Holy Land Studies – nach Süden erweitert. Die jüngsten Terrassierungen, die sich nahe des Bereiches der archäologischen Grabung befinden, sind kurz nach Beginn des 20. Jh. entstanden, was nicht zuletzt durch die Datierung der Gräber nachvollziehbar wird.

Die Einrichtung des Friedhofs betrifft die archäologischen Arbeiten allerdings nicht nur in Bezug auf die Limitierung der Ausdehnung der Fläche, sondern auch in praktischen Bereichen. Einerseits wurde damals bei der Ummauerung des Friedhofsareals ohne jede Rücksicht auf archäologische Artefakte die antike Stadtmauer, die an dieser Stelle einen Turm ausbildete, hemmungslos durchbrochen, sodass heute nurmehr ein Bruchteil des Turmes nachvollziehbar ist, andererseits wurde für die Terrassierung der Gräberflächen große Mengen moderner Schutt angefahren, der nun wieder abgenommen werden musste, um die Grabung erweitern zu können.

Bisherige Arbeiten – Altgrabung

Bislang erarbeitete das DEI die Säuberung der Altgrabung und die Klärung des zur Verfügung stehenden antik-innerstädtischen Bereichs zu dessen archäologischer Untersuchung. Die 2015 begonnenen Arbeiten zur Wiederfreilegung der Altgrabung, in deren Zentrum die drei antiken Stadtmauern liegen, wurden 2016 aus archäologischer Sicht zu Ende geführt. Die Altgrabung präsentiert sich nun in einem sauberen, übersichtlichen Zustand, der neben seinem Selbstwert auch Ausblicke auf die zu erwartenden Strukturen in der direkt östlich angrenzenden Neugrabung gibt. Sie folgt dem Verlauf der nordwestlich nach südöstlich ausgerichteten antiken Stadtmauern, bildet aber im Süden, an der Friedhofsmauer entlang, einen L-förmigen Knick aus, der in einer in drei Lagen nachvollziehbaren Fundamentmauer endet.

Problematik

Vielfach machte sich während der Arbeit in der Altgrabung ihr Charakter als solche bemerkbar: Nicht nur waren die Funde vollständig durchmischt, da es sich um die Wiederfüllung der Anlage mit dem eigenen Aushub handelte, sondern bis zuletzt, in diesem Fall bis zum Erreichen des anstehenden Felses, kam immer wieder moderner Plastik-Müll zum Vorschein. Bargil Pixners erklärtes Ziel war es, Grundfels zu erreichen, und so hub er selbst die Füllung der Mauern mit aus. Die in diesem Vorgehen enthaltene Problematik liegt nahe: Durch die schlechte oder fehlende wissenschaftliche Dokumentation lassen sich keine gesicherten Befunde extrahieren. Die Interpretation des zu Sehenden muss deshalb über andere Wege erfolgen: Bis die Neugrabung des DEI in den angrenzenden Bereichen weitere Ergebnisse geliefert haben wird, dient der Vergleich der Grabung mit anderen Projekten in der Umgebung als Stütze. Im Besonderen ist hier Yehiel Zelingers (Israelische Antikenbehörde, IAA) Stadtmauergrabung zu nennen, die die Fortsetzung der Mauern weiter östlich zum Thema hatte. Zwischen 2007 und 2009 erfolgten die Arbeiten westlich des katholischen Friedhofs, die die Datierung der Mauern in die erste Hälfte des 5. Jh. und in hasmonäisch/herodianische Zeit bekräftigt. Lediglich die Einordnung der ältesten Mauer, die der Eisenzeit II. zugeordnet wird, muss mit einem Fragezeichen versehen bleiben. Auch hier wird die Neugrabung des DEI Sicherheit bringen können.

Nichts desto trotz wurden durch die Entleerung der Altgrabung Strukturen sichtbar und Zusammenhänge erkennbar, die wegen der unvollständigen Publikationslage bisher unberücksichtigt geblieben waren. Auch im Hinblick auf die zu erwartenden Ergebnisse in der Neugrabung sind nun präzisere Vorhersagen möglich, da in der Altgrabung Fundamente sichtbar wurden, die auf größere Gebäudezusammenhänge schließen lassen, die tiefer in den neu geöffneten Schnitten liegen.

Die folgende Beschreibung der architektonischen Einzelelemente in der Altgrabung erfolgt von Norden nach Süden. Im Nordwesten des Areales befindet sich die mehrphasige Toranlage; der Bereich südlich dieses Tores zeigt mehrere nebeneinander liegende Mauern; schließlich steht der Turm an der südlichen Grabungsgrenze. Die L-förmige Ausschachtung richtet sich auf der Höhe des Turmes Richtung Osten.

Im nördlichen Bereich der Altgrabung liegt – acht Höhenmeter unter dem Friedhof – die dreiphasige Toranlage: Die unterste, älteste Schwelle – erkennbar an kreisrunden Einlassungen für die Türangeln – gehört zu der von Flavius Josephus beschriebenen herodianisch/hasmonäischen Mauer. Sie wurde in einer Reparaturphase um weniger als einen halben Meter erhöht, ohne in die Bausubstanz der Mauer einzugreifen. Erst die dritte Schwelle markiert eine in ihrer Bauweise und Position unabhängige neue Bauphase. Für diese neue wurden die alten Schwellen als Fundament benutzt um den Eingang in die Stadt um mehr als einen Meter zu erhöhen. Die heute noch sichtbaren Sandsteinquader, zusammengehalten durch ein Mörtelpaket, die sich an die Schwelle anschließen, gehören wie das jüngste Tor zur Stadtmauer der ersten Hälfte des 5. Jh. in byzantinischer Zeit. Unter dem Bodenniveau der ältesten Schwelle befindet sich ein aufwendig gearbeiteter Abwasserkanal, der sich wenige Meter Richtung Osten verfolgen lässt.

Die sich südlich der Toranlage befindlichen Mauern können in mehrere Mauerzüge unterschieden werden. Die älteste Mauerstruktur liegt westlich der Quadermauer und weist keinerlei Verbindung zu letzterer auf. Sie besteht aus einer Feldsteinmauer, die direkt auf dem anstehenden Felsen errichtet wurde. Zusätzlich wurde der Grundfels entlang der Mauerführung abgearbeitet um der Mauer zusätzliche Höhe in massivem Stein zu verleihen. Bei dieser Mauer handelt es sich möglicherweise um Stadtmauer aus der Eisenzeit II., die aus alttestamentarischen Quellen bekannt ist.

Von der Mauer der hasmonäisch/herodianischen Zeit ist in diesem Bereich nichts mehr zu sehen. Allerdings weist Torsituation darauf hin, dass mit der byzantinischen Mauer, von der noch mehrere Sandsteinquader auf losen Fundamentierungen erhalten sind, die hasmonäisch/herodianische Ausrichtung beibehalten wurde. Die beiden jüngeren Stadtmauern teilten sich damit ein Fundament.

Zwischen den Quadern der byzantinischen Mauer und dem Turm im Süden befindet sich ein weiteres Mauerstück, dessen Gesichter aus großen, sehr dicht vermörtelten Feldsteinen errichtet ist. Es handelt sich um einen massiv gearbeiteten Reparaturabschnitt, breiter als alle anderen Mauern an der Stelle, der eine Schneise zwischen dem Turm in Süden und der Quadermauer im Norden schließt. Die Mauer ist wegen fehlender Kontexte nicht datierbar, aufgrund ihrer Nachzeitigkeit zum Turm stellt sie wohl jüngste stadtmäuerliche Bauelement dar.

Der Turm im Süden markiert die Stelle, an der die Mauer nach Osten abknickt, um dem Abhang des Zionsberges zu folgen. Heute ist der Turm durch die Errichtung der südlichen Friedhofsbegrenzungsmauer stark beschädigt. Die Fortsetzung seiner Fundamente kann man noch außerhalb der Friedhofsmauer sehen. Das Quadermauerwerk des Turmes ist flach bossiert, was für eine zeitliche Einordnung des Turms in hasmonäische/herodianische Zeit spricht. Vermutlich wurde der ältere Turm in der byzantinischen Mauer als Fundamentierung für einen eigenen Aufbau mitbenutzt.

Die von hier aus Richtung Osten ausbrechende Pixnersche Ausschachtung in L-Form zu den Stadtmauern gesehen weist zunächst flache Fundamentsetzungen auf, bevor sie in einer im Aufgehenden dreireihig erhaltenen weiteren Fundamentmauer endet. Die flache Fundamentierung gleicht der Fundamentierung des Turmes, weist aber nicht dieselbe Ausrichtung auf. Sie deutet auf ein größeres Gebäude hin, das sich nördlich im neu auszugrabenden Bereich fortsetzt. Die im aufgehenden erhaltene Fundamentmauer im Osten besteht aus größeren, annähernd quadratischen Steinen und ist ebenfalls unabhängig von den Stadtmauern zu sehen.

Östlich der hier beschriebenen Strukturen erstreckt sich der Bereich innerhalb der antiken Stadt Jerusalem, der in den kommenden Jahren Gegenstand der Ausgrabung des DEI sein wird.

Neugrabung 2016

Die erstmalige Erweiterung der Altgrabung war für September 2016 geplant und wurde durch die Öffnung dreier großer Schnitte à 7,5x10 m in Angriff genommen. Vorbereitend waren jedoch Baggerarbeiten zur Abtragung hoher Füllschichtebenen notwendig und selbst während der aktiven Grabung wurde ein weiterer Höhenmeter maschinell abgetragen.

Vorbereitende Arbeiten

Die mehrfachen Terrassierungsaufschüttungen des Geländes zur Einebnung des Friedhofs führten in dem Bereich, der nun archäologisch untersucht werden sollte, zu Füllschichten von mehreren Höhenmetern. Diese Füllschichten wurden im Vorfeld der Grabung mit schweren Maschinen abgetragen. Unter Anleitung von Mitarbeitern der Antikenbehörde wurden die Baggerarbeiten mit dem Erreichen einer harten Mörtelschicht, nachdem die Arbeitsfläche um drei Höhenmeter abgesenkt worden war, eingestellt.

Während der Arbeit im Feld stellte sich jedoch heraus, dass diese Mörtelschicht nur eine weitere moderne Füllschicht unter sich bewahrte, sodass in einem zweiten Maschineneinsatz ein weiterer Höhenmeter Schutt entfernt wurde. Bedingt durch die losen Schüttungen der Füllschichten war es nicht möglich, Schnittwände aufrechtstehend zu erhalten. Deshalb wurde die Schnittstruktur teilweise aufgelöst und die Grabung auf die gesamte zur Verfügung stehende Fläche – mehr als das doppelte der ursprünglichen Schnittgrößen – erweitert. Auf diese Weise entstanden großflächige Niveauangleichungen, die nun ohne Reste moderner Füllschichten eine umfassende Untersuchung der antiken Horizonte erlauben.

Funde und Befunde

Unterhalb dieser modernen Füllschichten kamen weitere, mittelalterliche Füllschichten zu Tage, wie sich anhand der Fundzusammensetzung innerhalb der Aufschüttung zeigt: Im Füllpaket einer kleinen, in sich mehrphasigen Terrassierungsmauer aus losen Feldsteinen kam gemischte Keramik aus allen Jahrhunderten zwischen dem fünften und dem sechzehnten zum Vorschein. Hier lagen zum Beispiel Öllampenfragmente aus dem 6. Jh. zusammen mit glasierten Gefäßsplitter aus der Kreuzfahrerzeit oder den islamischen Perioden neben Stücken von Pfeifenköpfen aus dem 16. Jh.

In dem Bereich zwischen dieser frühneuzeitlichen Terrassierungsmauer und der Altgrabung trat ein System aus kleinen Kanälen, das sich verzweigt und zum Teil noch mit seiner Abdeckung aus schmalen Steinplatten erhalten ist, zu Tage. Hier kamen außerdem in einer Art Hortfund mehrere vollständig erhaltene Öllämpchen aus dem 6. Jh. ans Licht. Weiter östlich stieß das Grabungsteam auf eine verputzte Mauerecke, die auf die Existenz eines größeren Gebäudes hinzuweisen scheint. Einer der wichtigsten Befunde ist allerdings eine festverpresste Schicht Erde, die im Bereich der modernen Friedhofsmauer auf der Oberkante der oben beschriebenen in drei aufgehenden Lagen erhaltenen Fundamentmauer abschließt. Ab hier sind keine Füllschichten mehr zu erwarten. Diese Schicht schließt vielmehr geschlossene, byzantinischen Horizonte unter sich ab, die den Ausgangspunkt der kommenden Ausgrabungen bilden. Von hier aus stehen drei Höhenmeter Grabungstiefe zur Verfügung, bis – wie aus der Altgrabung bekannt – der Grundfels ansteht.

Exkurs: Tunnel von Bliss und Dickie

Östlich neben der Quadermauer Richtung Norden hin lässt sich einer der Tunnel von Bliss und Dickie, mit denen sie den antiken Stadtmauern in deren Fundamentbereich nachgingen, über mehrere Meter hin verfolgen. Vor der Wiederaufnahme der Grabungen muss der Tunnel zwischenzeitlich als Unterkunft für einen Obdachlosen gedient haben, da noch Matratzen und Schlafsäcke darin lagen sowie Spuren eines Lagerfeuers an den Wänden von Tunnel und antiker Stadtmauer zu sehen sind. Weiter nördlich unter dem Friedhof kam es vor einigen Jahren zu einem Teileinsturz des Tunnels, was dort aus Sicherheitsgründen zu dessen Auffüllung mit Sand führte. Allerdings ist dies nicht der einzige unterirdische Gang, den Bliss und Dickie im Bereich der Grabung hinterließen. Ihr Hauptinteresse galt den Stadtmauern, doch legten sie nichts desto trotz an in ihren Augen interessanten Orten wie der beschriebenen Schwellenanlage (Sondage-)Tunnel an, die vom Mauerverlauf abweichen. Dieses erweiterte Tunnelnetz wurde allerdings nicht dokumentiert. Nur der Briefwechsel der beiden Engländer untereinander legt die Durchführung weiterer Tunnel nahe, ohne deren genaue Lokalisierung zu ermöglichen. Einer dieser Sondagetunnel verläuft nun annähernd rechtwinklig von der Schwelle aus Richtung Nordosten und knickt nach einigen Metern Richtung Osten hin ab. Der Tunnel durchbricht mehrere antike Kanäle, die nicht mit demjenigen unter der Schwelle in Verbindung stehen.

Mikwe

Das archäologische Projekt des DEI auf dem Zionsberg beinhaltet auch die Freilegung, Dokumentation und Restaurierung zweier nebeneinanderliegender Mikwen, die nahe der nördlichen Friedhofsmauer in den anstehenden Fels des Zionsberges eingetieft wurden. Die Gesamtanlage ist zweigeschossig. Über eine ebenfalls in den Felsen gehauene Treppe gelangt man auf ein halbkreisförmiges Podium, das den Zugang zu den beiden Mikwaot ermöglicht. Die Doppel-Miqwe wurde ehemals durch in den Felsen gehauene Leitungen mit Wasser versorgt. Außerdem befindet sich unterhalb der Mikwaot eine Zisterne.

Zuerst freigelegt wurde die Anlage von Henry Maudsley in der zweiten Hälfte des 19. Jh., als er im Zuge der Einrichtung des Friedhofs das Gelände untersuchte. Teile der heutigen Erscheinung der Gesamtanlage gehen auf Restaurierungen und Umbauten nach Maudsley zurück. Durch die Einebnung des Friedhofsgeländes kam es außerdem zu einer Aufschüttung des die Mikwen umgebenden Geländes, sodass von den von Maudsley gezählten 36 in den Felsen gehauenen Stufen heute nurmehr acht zu sehen und zu benutzen sind.

Die senkrechte Felskante, die die Mikwaot enthält, zieht sich in ähnlicher Form weiter nach Norden und ist auf der gesamten Länge bearbeitet, sodass sie vermutlich in hellenistischer und frührömischer Zeit als Teil der Stadtbefestigung dienen konnte. Auch die ehemalige Gobat-Schule, heute American University College, wurde an diesen partiell abgeschlagenen Felsen angebaut. Als die Mauer nicht mehr als Fortifikation benutzt wurde, tiefte man zu einem späteren Zeitpunkt die Mikwen in die Felswand ein. Durch das Fehlen assoziierter Funde in situ lässt sich die Anlage, die außerdem mehrere Bauphasen hat, nur schwer datieren. Allerdings sind die beiden tonnengewölbten Mikwen noch teilweise mit ihrem antiken wasserfesten Putz überzogen. Proben dieses Putzes befinden sich momentan für Alters- und Inhaltsbestimmungen im Labor.

Zusammenfassung

In den Grenzen des Protestantischen Friedhofs steht ein in seiner Größe von mehr als 80 qm² beachtliches Stück Land der Archäologie erstmals zur Verfügung. Durch seine Lage an den Abhängen des Zionsberges hat es eine große Bedeutung innerhalb der innerstädtischen Entwicklung Jerusalems. Die drei großen, aus den Altgrabungen bekannten Stadtmauern, an die sich die Neugrabung direkt anschließt, stellen Zeugnisse aus mehr als zwei Jahrtausenden in Aussicht.

In den drei Höhenmetern, die der Neugrabung zur Erforschung der Siedlungsgeschichte Jerusalems zur Verfügung stehen, sind spektakuläre Befunde zu erwarten, da es sich um geschlossene, antike Horizonte handelt, die weder antik gestört noch bisher archäologisch untersucht wurden. Die Auftaktkampagne im Jahr 2016 stellte sicher, dass diese Geschlossenheit gegeben ist und die in Rückbindung an die Stadtmauern zu erwartenden Siedlungsstrukturen aus byzantinischer, hasmonäisch/herodianischer und Eisenzeit als Ergebnisse der kommenden Kampagnen voraussehbar sind. Dies macht die DEI Grabung am Zionsberg im Hinblick auf die Erforschung der Geschichte Jerusalems zu einem der momentan wichtigsten Forschungsprojekte in der Stadt.